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Flieder - der Vergängliche

 

Ich laufe gerade herum wie ein Hund. Schnuffelnd.

Süße betörende Duftschwaden erinnern an längst vergessene Sehnsüchte und erzählen von verheißungsvollen Frühsommertagen.

Es ist Fliederzeit.

Gierig will ich ihn einatmen, aufsaugen, mich darin laben, ihn festhalten.

Mit jedem ausatmen entwischt er mir, und mit ihm seine kurzlebige Schönheit.

Ich fühle mich wie Jean-Baptiste Grenouille.

Diese Sanftheit, diese zerbrechliche Pflanzenseele, ich will sie besitzen, sie konservieren, sie in mich integrieren. Bevor sie zu verwelken beginnt...

Wie stelle ich das an?

 

1. Konservierung durch Trocknung

An einem herrlichen Sonnentag pflücke ich frische Blüten des kleinasiatischen Neophyten und hänge sie sofort nach der Ernte kopfüber zum trocknen auf. So habe ich es geschafft, den Fliederduft für ein Jahr in ein Glas zu bringen. Blöderweise bringe ich den Duft aus dem Glas nicht wieder raus. Ich könnte mich an den getrockneten Blüten erfreuen, sie in eine Schüssel geben und im Wohnzimmer à la Potpourri aufstellen. Aber das ist mir zu wenig!

 

2. Räuchern, volksmagische Verwendung

Ich lege die getrockneten Blüten auf glühende Räucherkohle, Rauch steigt auf und...es riecht leider nicht nach zartem Fliederduft.

Leider sind die zarten Terpenverbindungen des Flieders nicht hitzebeständig. Ich habe den Duft durch die Hitze der Räucherkohle zerstört.

 

Nichts desto trotz habe ich aber ein wunderbares Mitbringsel, sollte ich einmal zufällig  zu einem Exorzismus eingeladen werden. Kein Scherz, getrocknete Fliederblüten wurden früher bei Exorzismen geräuchert oder volksmagisch als Fluch- und Bannbrecher verwendet.

 

3. Die Wasserdampfdestillation

Während des Versuches, Flieder zu destillieren, wird mir eines klar. Als Parfümhersteller muss man zum Nachbau eines Flieder-Odeurs tief in die Chemietasche greifen. Parfüms die Fliederduft darstellen sollen, werden entweder künstlich oder aus natürlichen, fliederfernen Einzelkomponenten hergestellt, da es weder möglich ist, ätherisches Öl noch Pflanzenwasser (Hydrolat) herzustellen. Der Grund dafür liegt im Fehlen ätherischer Öle in den Blüten. Dummerweise  sind ätherische Öle die Basis jeglicher Duftdestillation. Zu meinem Bedauern wird die Technik der Wasserdampfdestillation hier also obsolet. Wer es dennoch nicht wahrhaben will, kann es selbst ausprobieren:  Die Destillation von Flieder ergibt ein Hydrolat, welches nach altem Gras und Erde riecht.

 

4. Fressbotanik

Für all jene unter den Lesern und Leserinnen, die Natur mehr schmecken als riechen wollen, hab ich jetzt noch schnell eine Zwischeninfo. Aus frischen, trockenen Blüten kann man Fliedersirup herstellen. Das Herstellungsprinzip für süßen Fliedersirup ist gleich jedem anderen hausgemachten Verdünnungssaft. Wer schon mal Holler Saft hergestellt hat, weiß daher, was zu tun ist.

 

Meine Begierde ist immer noch nicht befriedigt. Wie krieg ich den Duft jetzt aus dem Flieder?

 

5. Ölauszug

Ist zwar eine halbherzige, aber dennoch befriedigende Lösung. Dazu gebe ich getrocknete Fliederblüten (am besten den lilafarbenen, ist intensiver im Geruch) in geruchloses Öl, lass das Ganze in der Sonne mind. 5 Wochen stehen, schüttle hin und wieder, seihe ab und fertig ist das Fliederduftöl.

 

Ich habe es geschafft! Der Duft erinnert zumindest stark an Flieder. Nun kann ich dieses wunderbare Öl zu einer Duftsalbe verarbeiten und die Zerbrechlichkeit des Frühlings ist mein!

 

Übrigens: Wenn von Fliedertee die Rede ist, meint man oder frau umgangssprachlich einen Hollerblütentee.